Es ist Freitag Abend in Offenbings und die Weinstube ist überfüllt, also machen wir uns auf dem Weg zum Wilhelmsplatz, weil da noch Platz sein soll. Als Nicht-Smartphone-Besitzer habe ich mir im Hotel einen analogen Stadtplan mitgenommen, auf dem praktischerweise die wichtigsten Sachen bereits eingezeichnet sind.
Auf dem Weg vom Hotel zur Weinstube wurde mir mit dem Hinweis der Akku-Schonung auch kommentarlos die Wegführung überlassen. Zwischen Weinstube und Wilhelmsplatz machten wir noch einen kurzen Zwischenstop am Auto und als ich den weiteren Weg verkündigte, fiel der Satz, wie ich ihn schon öfter in solchen Situationen gehört habe.
Ich, als einzige mit 2 X-Chromosomen, quittierte den Satz nur mit einem “Ich werde jetzt einfach so tun, als ob ich das jetzt nicht gehört hätte”, musste mich ja darauf konzentrieren, dass wir uns nicht verlaufen und zügig an Alkohol kommen.
Das Problem an diesem Satz offenbart zum Beispiel die folgende Studie (nicht die erste iher Art).
Kurz zusammengefasst steht da drin: wenn ich Menschen (in dem Fall Frauen) ständig erzähle, dass sie etwas nicht können und ihnen jegliches Selbstvertrauen in dem Bereich nehme (hier räumliche Orientierung), dann sind diese Menschen auch wesentlich schlechter in diesen Aufgaben. Eine selbsterfüllende Phrophezeihung, sozusagen.
Oder: wenn ich von klein auf lerne, dass Frauen nicht Auto fahren/Karten lesen/sich räumlich orientieren können, dann haben sie meist keine große Motivation nach dem ersten oder zweiten Scheitern weiterzumachen, ist ja vermutlich genetisch oder so, wieso also die Mühe machen?
Nicht nur, dass so ein Satz eine Beleidigung für das gesamte Geschlecht ist, es ist auch eine Beleidigung für mich, der Subtext ist nämlich: “Oh schau, eine von den Dummen hat es tatsächlich geschafft.” Es setzt mich in eine Aussenseiterposition, in der ich stolz darauf sein soll, nicht bzw. besser “wie die anderen Frauen” zu sein, sorgt aber gleichzeitig dafür, dass es mir schwerer fällt “die Unfähigen” zu verteidigen ohne mich selbst wieder der Gruppe der Unfähigen zuzuordnen. Er mag als Kompliment oder Feststellung gemeint gewesen sein, aber das ist es nicht.
Ähnliche Sätze lauten: Oh, eine Frau, die ein Linux hat, die einparken kann, jemand der es von der Hauptschule an die Uni geschafft hat, ein Mann, der Windeln wechseln kann, usw. und so fort. Wobei vor allem besonders gerne Frauen gewisse Fähigkeiten abgesprochen werden.
Wir sollten Menschen nicht auf Grund ihrer Gruppenzugehörigkeit prinzipiell bestimmte Fähigkeiten absprechen. Ja, Männer können vielleicht (noch?) keine Kinder gebären. Aber Mathe, Wissenschaft, einparken, Karten lesen, Windeln wechseln, Kinder betreuen, Computer bedienen, mehr aus sich machen, als von der Schule gleich in Hartz4 zu rutschen, all das sind Fähigkeiten die jeder von uns lernen kann. Und sie lernen es am besten, wenn man ihnen nicht von vornherein immer wieder erzählt es nicht zu können.
Darum ein Appell an uns alle, solche abwertenden Sätze zu unterlassen und noch viel wichtiger: solche Sätze, wenn einmal geäußert, nicht mit einem leicht beschämten Lachen einfach im Raum stehen lassen. Unser Frauenmangel in der Partei stammt vermutlich auch daher, dass unsere Eltern solche Sätze einfach im Raum stehen lassen haben.
Diese Sprüche können letztlich auch bedeuten, dass man einfach nur mit (als falsch erkannten) Klischees kokettiert. Wenn ich meine Kollegin necken will, bringe ich solche Sprüche und freue mich auf ihre Retourkutsche.
Ich muss aber ebenso sagen: Diese Sprüche höre ich auch relativ oft von Frauen selbst. z.B. “Ich habe keine Ahnung von Technik. Bin halt eine eine Frau (wahlweise: Blondine).”
Und dann gibt es diese Sprüche auch mit vertauschtem Geschlechter-Vorzeichen. Wenn es zum Beispiel heißt, dass Männer mal per se keine Ahnung von Gefühlen hätten und nicht zuhören könnten.
Ja, kann sein. Aber war es in dem Fall nicht und habe ich auch oft genug ohne jegliche Ironie und Humor gehört.
Klar, aber warum kommen Frauen auf die Idee so was zu sagen? Weil es eine schlimmerweise akzeptable Ausrede ist etwas nicht zu können oder um sich beim Versuch nicht blamieren zu müssen. Es ist doch nicht gut, wenn Leute einfach von vornherein Angst vor Technik haben, vor allem in unserem Alter.
Die vertauschten Geschlechterzeichen habe ich bereits erwähnt, siehe Windeln wechseln. Aber Gefühle sind auch ein gutes Beispiel.
Gut. Es gibt also Menschen (Männer wie Frauen), die Ihre Erfahrungen generalisieren (ein normaler kognitiver Vorgang übrigens) und das in Ihrer Kommunikation kundtun. Jetzt kann man natürlich versuchen, allen eine Sprachregel überzustülpen oder kann man einfach durch Handeln dafür Sorgen, dass ein Generalisieren absurd ist. Die Tatsache, dass meine Mathelehrerin in Mathe besser war als ich, hat mehr dazu beigetragen, mein männliches Ego in Sachen “Analytisches-mathematisches Denken” an den richtigen Platz zu verweisen, als es jedweder feministischer Diskurs jemals geschafft hätte.
Der Link geht bei mir nicht.
So, sollte jetzt gehen
Zur Sicherheit noch mal so: http://jezebel.com/5865928/if-ladies-just-had-more-self+confidence-theyd-be-able-to-read-a-goddamn-map
Komisch, wenn zu mir eine Frau z.B. “Wow, ein Mann, der zwei Dinge gleichzeitig tun kann.” oder “Wow, ein Mann, der kochen kann.” sagen würde, würde ich mich ja eher geehrt fühlen, und nicht unterdrückt.
Aber jedem, wie er’s/sie’s halt mag, nä.
Ich versteh sowieso nicht wieso irgendwer zwei Dinge gleichzeitig tun können soll
Ich schaffe das auch nicht.
Und joar, nimmt jeder Dinge unterschiedlich auf. Am Ende gibt es glaub ich genug Star-Köche und Fernsehköche die dir vermitteln du könntest, wenn du nur bereit wärst es zu lernen. Es ist mehr ein hey du hast dir die Mühe gemacht es zu lernen und wenig er ein ey, gibt ja tatsächlich ein paar Fähige unter euch.
Sicherlich muss man manche solche Aussagen auch individuell mit Humor nehmen können. Sonst wird man ja seines Lebens nicht mehr froh
Aber all die kleinen Sachen kommen halt irgendwann zu so einem Gesamtbild zusammen, die uns allen Fähigkeiten absprechen nur weil wir so sind, wie wir sind.
Das liegt wahrscheinlich daran das Männer sowieso fast alles können, während Frauen nur spezielle Dinge können. (Dies ist das allgemein Verbreitete Bild, auch wenn du das nicht glaubst, und auch wenn es sich ändert. Bedenke nur das Männer sogar Mensch sein besser können als Frauen: Jedes Strich*männchen* wird von fast allen Menschen als Symbol für Mensch interpretiert – damit es eine Frau sein kann muss man ihm erst ein Rock oder so Gedöns anhängen.)
Wenn Du nun also auch noch etwas gut kannst was Frauen können, dann ist das ein Bonus. Wenn Frauen etwas gut können das Männer können, dann werden sie gerade eben in diesem Bereich auf die Stufe Mensch geupgraded – welch Lob.
Iiiiiiiih, eine Überschrift mit Rechtschreibfehler! Mach das weg!
Als Physikstudent kenne ich das Phänomen. Wenige Frauen wählen Physik als Studiengang (obwohl sich dieses Missverhältnis seit einigen Jahren merklich bessert). Die meisten Frauen in meinem Alter, denen ich im Alltag begegne und mein Studienfach nenne, reagieren mit Erstaunen bis Erschrecken und dann Ablehnung (gegenüber der Materie, selten mir gegenüber). Die mit Abstand häufigsten Kommentare sind „Das konnte ich ja noch nie“ oder „Das hab’ ich als erstes abgewählt“.
Demgegenüber haben Physikstudentinnen meist gar kein Problembewusstsein dafür, als Frau etwas zu tun, das sehr wenige Frauen tun. Fragen wie, „Warum studierst Du als Frau Physik?“ finden sie mehrheitlich albern bis ärgerlich.
Ich führe das darauf zurück, dass in dieser Gesellschaft jungen Menschen wieder und wieder eingetrichtert wird: „Technik, Wissenschaft und so Sachen, das ist nichts für Frauen. Die sind dafür gut in Deutsch.“ Diejenigen Frauen, die sich von dieser Bevormundung und Erniedrigung nicht beeindrucken lassen, finden es selbstverständlich, sich über die Klischees hinwegzusetzen, um ihre Interessen zu verfolgen und ihre Vorstellungen zu verwirklichen. Sie haben nicht das Gefühl, es „als Frau in der Physik“ schwer zu haben, eben weil sie Geschlechterrollen (zumindest im (Aus)bildungs-Zusammenhang) wenig interessieren.
Viele aber, so vermute ich, lassen sich sehr wohl von den Vorurteilen und Demütigungen, die in der Gesellschaft vorherrschen, beeinflussen. Sie sind bei Rückschlägen schneller verunsichert oder geneigt, aufzugeben, weil ihnen dauernd eingeredet wird, ihr Scheitern sei vorprogrammiert.
Und deshalb will ich (und tue es gelegentlich), wenn ich von einer Lehrkraft oder sonstwem erfahre, der diese widerlichen Klischees jemandem aufzudrücken versucht, ihn gehörig zusammenfalten, damit diese Scheiße endlich mal ein Ende hat.
Hallo
hast Du mal mit Frauen gesprochen wie es Ihnen dann beim Berufseinstieg geht
-wo sind die, irgendwie müssen die doch dann später sein?
Meine Erfahrung:
im Bereich Forschung/Entwicklung (in Industrie und an Unis) ist es auch 2011 in DE ein fast reines Männerfeld bei Menschen >30 (nicht so z.B. in Spanien). In Rumänien ist der Frauenanteil nur in der Generation 50+ hoch (die jüngeren Frauen gehen nicht mehr in die hightech Felder), in Russland (gerade auch wegen der schlechten Berufsaussichten für postDoc) verlassen >70% jedes PhD Jahrgangs das Land…
Viele Grüsse
Andrea
Wie ich sagte, hat sich das Verhältnis erst in den letzten Jahren bei den Studienanfängern (!) zum Besseren gewandelt. Ich bin demnächst mit meinem Diplom fertig, und als ich anfing, lag der Anteil an Frauen noch kaum höher als 10–20% (gefühlt ist er übrigens höher unter den 40–50, die jetzt auch wirklich den Abschluss machen).
Die Verbesserung von der ich spreche kann sich also, wenn sie sich hoffentlich verstetigt, erst in fünf bis 10 Jahren auch am wissenschaftlichen Arbeitsmarkt angekommen sein.
Man darf aber nicht vergessen, dass diese Rollenbilder von Frauen dazu eingesetzt werden, sich selbst “als Frau” zu definieren, sich selbst und ihre Umwelt ihres Frauseins zu vergewissern. Einparken und Kartenlesen wird von vielen Frauen als unweiblich gewertet und als solches reproduziert, sprich: an Kinder weitergegeben. Söhne werden an Technisches herangeführt, Töchter eher davon ferngehalten, weil Frau es selbst als unweiblich und somit als passend für den Sohn aber unpassend für die Tochter einstuft.
Stereotype sind Teil von Identitäten. Wer sie überwinden will, muss sie quasi aus seiner Identität auslagern und sich von Fremdzuschreibungen freimachen.
Guter Text! Und natürlich gibt es Frauen, die diese Klischees selbst reproduzieren, weil sie wirklich dran glauben, weil sie kokettieren, wie auch immer… Trotzdem sind Stereotype nichts Harmloses, denn sie wurden immer benutzt, um Gruppen von Macht und gesellschaftlicher Teilhabe auszuschließen. Weiße Männer zählten übrigens nicht zu diesen Gruppen und deswegen lässt sich die Sache auch nicht einfach umdrehen, so von wegen: über Frauen wird halt das, über Männer das gesagt. Rationale Fähigkeiten – klassischerweise Männern zugeschrieben – standen und stehen immer höher als emotionale Fähigkeiten – klassischerweise Frauen zugeschrieben. Das Argument mangelnder Rationalität wurde beispielsweise benutzt, um Frauen vom Wahlrecht und von höherer Bildung auszuschließen. Dafür galten – und gelten – Frauen aufgrund dieser “Fähigkeit” für geeignet, Fürsorgearbeit zu übernehmen- eine statusniedrige und unbezahlte Tätigkeit, naja, bald gibts ein bisschen Kleingeld dafür. Männer werden aufgrund von Zuschreibungen in ein ähnliches Korsett gezwängt, das extrem einschränkend ist. Dennoch lässt sich, wie gesagt, die Sache schon alleine aus historischen Gründen nicht einfach umdrehen. Und klar, wir leben heute im Jahr 2011. Aber so viel hat sich nicht geändert – Reproduktionsarbeit ist immer noch Frauenarbeit und die Führungsetagen sind immer noch männerdominiert. Das hat viel mit Geschlechterstereotypen zu tun und alleine deswegen sind sie überhaupt nicht witzig.
@ lenek
Und ich als schwuler Europäer mit dunkler Hautfarbe?
Wohin gehöre dann ich? in die Grupper der weißen Männer oder nicht?
Nur mal so: Reproduktionsarbeit? Kann man das nicht irgendwie humaner nennen? Hört sich erstens so an, als würden Akademiker über etwas reden, wovon sie keine Ahnung haben und zweitens hört es sich einfach so an, als würden Kinder aus einer Fabrik kommen.
Geschlechtstypische Fähigkeitenverteilung hin oder her, man muss sich mal vor Augen halten, WAS da ungläubig als geschlechtsuntypisch bestaunt wird. Kartenlesen! IKEA-Möbel zusammenbauen! Öl im Auto nachfüllen! Reifendruck kontrollieren! Boah Wahnsinn!
Also wenn ich das nicht könnte, wäre das kein Ausdruck meiner Femininität, sondern meiner Blödheit und generellen lebenspraktischen Hilflosigkeit *g*.
Also bitte!
Zum Mathethema: Bei uns in der Familie kannst du se alle mit Mathe jagen, egal ob Männer,Frauen oder Kinder.
Ist wahrscheinlich genetisch.
[...] gab es Piraten, die sich zum Sexismus bekannt haben in dem sie Frauen technisches Wissen oder die Fähigkeit zum Kartenlesen abgesprochen haben. Und wenn sich Piraten offen mit dem Thema Sexismus befassen, ernten sie neben [...]